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Kunst und Evolution
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2006-01-01
Schweiz





Kunst
und Evolution


Dr. med.
Ursula Davatz, Washington, D.C., USA


Die gegenständliche Kunst stellte für Jahrtausende
eines der wichtigsten Kommunikationsmittel dar. Darstellungen von wichtigen
Szenen aus dem menschlichen Leben haben Kulturen und ihre Träger überdauert
und uns Knotenpunkte der menschlichen Geschichte überliefert. Diese bildhaften
Uebermittlungen wurden im Laufe der Zeit Allgemeingut und damit zugänglich
für jedermann.


Die abstrakte Kunst hingegen scheint sich
dem Allgemeinverständnis entzogen zu haben. Es wird gemeinhin angenommen,
dass jedermann einen Rembrandt oder Renoir verstehen kann, jedoch nur
Fachleute die abstrakte Kunst begreifen können. Um das Verständnis für
die abstrakte Kunst anzuregen, werden wir anstelle des fertigen Bildes
den Werdegang etwas eingehender betrachten und auf diese Art den kreativen
Prozess als solchen angehen.


Die Entwicklungsgeschichte, eine der eindrucksvollsten
kreativen Vorgänge, kann uns neue Aspekte zum Verständnis der bildenden
Künste liefern, indem sie uns einen allgemeinen Blickwinkel für Kreativität
eröffnet. Der schöpferische Vorgang in der Kunst folgt Gesetzen, die denjenigen
der biologischen Evolution vergleichbar sind.


Das Wort Evolution bedeutet fortlaufende
Veränderung
in einer gewissen Richtung. Was bringt jedoch diese Veränderung
in Gang und wie erhält sie ihre Richtung? Wenn wir die Evolution auf ihre
wichtigsten Mechanismen untersuchen, können wir zwei Phänomene beobachten:
das Phänomen des Zufalls und das Phänomen der Ordnung.


Das Phänomen des Zufalls


Das Phänomen des Zufalls, das in der Variationsevolution
vorkommt, kann illustriert werden anhand der Mutation, der sexuellen Rekombination
und der zufälligen Genfixation während der Reproduktionsphase der Gameten.
Es ist dieser sexuelle Reproduktionsvorgang, der die genetische Vielfalt
erzeugt und damit die Möglichkeit zur Evolution erhöht. Die dabei stattfindende
zufällige Kombination der verschiedenen biologischen Bausteine, der Gene
und der Chromosomen führt zu einer grossen Anzahl von Variationen.


Da ein Zufallsvorgang laut Definition nicht
wiederholt werden kann, ist sein wichtigstes Merkmal die Erzeugung einer
Einmaligkeit. Es findet deshalb während jeder sexuellen Vermehrung ein
Ablauf von verschiedenen Zufallsvorgängen statt, welche eine unerschöpfliche
Quelle von Kombinationen liefern, die aus lauter einmaligen Vorgängen
zusammengesetzt sind. Aus diesem Grunde sind zwei sexuell sich vermehrende
Organismen und der aus ihnen entstehende neue Organismus genetisch gesehen
niemals identisch.


Der neu entstandene Organismus kann in genetisch
identischer Form kein zweites Mal kreiert werden. Dies stellt die genetische
Basis für den Begriff der Individualität dar. Es ist diese Irreversibilität,
welche die organische Evolution einzigartig, individuell und nicht wiederholbar
macht.


Das Phänomen der Ordnung


Das Phänomen der Ordnung ist das andere Grundprinzip,
das in der biologischen Entwicklung am Werke ist. Es stellt sich dar in
der Adaption durch natürliche Auslese und Adaption durch Anpassung. Diese
beiden Begriffe können auch zusammengefasst werden unter dem Begriff der
"organisierten Evolution".


Adaption durch natürliche Auslese oder Ueberleben
des Stärkeren ist ein äusserliches Ordnungsprinzip, welches über die Auslese
innerhalb des Kollektivs abläuft. Die Richtung der Evolution wird dabei
durch Umwelteinflüsse bestimmt, die nur die stärksten Mitglieder der Gruppe
überleben lassen. Dabei wird die Häufigkeit gewisser Gene und gewisser
Gen-Konstellationen bevorzugt und dadurch vermehrt, dass sie zu einer
bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort die Möglichkeit zum Ueberleben
erhöhen.


Adaptation durch Anpassung an die Umwelt
ist ein inneres Ordnungsprinzip. Es bezieht sich auf eine spezifische
Anpassung des Organismus an seine Umwelt über einen inneren Reglerkreis,
der allem Lebendigen eigen ist. Er ist nicht nur im makroskopischen Bereich,
sondern auch im mikroskopisch-zellulären Bereich, ja wahrscheinlich sogar
im genetischen Bereich tätig. Wenn auch dieser Mechanismus noch nicht
in all seinen Einzelvorgängen bekannt ist, so weisen doch einige neueste
Forschungsergebnisse deutlich darauf hin.


Der kreative Prozess in der Evolution
ist somit weder ein reines Zufalls- noch ein absolut teleologisches, zielgerichtetes
Phänomen. Er besteht vielmehr aus dem Zusammenspiel von Zufall und Regelung.
Dies verbindet beide Vorgänge und führt damit zu stetigem Aufbau von Neuheiten.
Es ist das Aufeinanderstossen von neu aufgebauten Strukturen und deren
allmähliche Einspielung-auf die Umwelt, welche der Evolution ihre Richtung
geben, die zu erhöhter Komplexität und Differenzierung der Lebewesen führt,
ein Vorgang, der irreversibel und dadurch einmalig ist.


Frage: Welche Parallelen können von
diesen beiden Vorgängen zur menschlichen Kreativität gezogen werden, vom
Zufall, der Einmaligkeit bewirkt, und vom Ordnungsprinzip, das Struktur
liefert?


Es ist die Einzigartigkeit oder Einmaligkeit,
welche den schöpferischen Wert eines Kunstwerkes bestimmt und dadurch
auch seine Ueberlebenschance. Alle Künstler, die ihre Zeit überdauert
haben, kreierten ihren eigenen Stil oder ihr eigenes Thema. Diese Einmaligkeit
wird meistens mit "Inspiration" in Zusammenhang gebracht: ein
"glücklicher Zufall", der den Künstler überkommt, der Kuss der
Muse. Am Begriff der Inspiration ist bemerkenswert, dass sie kein geplanter
Vorgang ist, in der Tat niemals geplant werden kann. Inspiration tritt
vielmehr immer unerwartet ein. Dies führt uns zurück zum Begriff der Zufälligkeit.
Der Zufall ist ebenfalls ein Vorgang, der nicht geplant werden kann. Unserer
Ansicht nach wird auch in der Kunst Einmaligkeit oder Einzigartigkeit
über den Gebrauch des Zufalls erreicht. Indem wir kurz verschiedene Entwicklungsphasen
in der Malerei durchgehen, werden wir versuchen, unseren Standpunkt zu
veranschaulichen.


In allen frühen primitiven Kunstformen kam
das Phänomen des Zufalls durch "Mangel an Technik" zum Ausdruck.
Die künstlerische Technik war noch nicht verfeinert. Dies ermöglichte
Spielraum für das Unvorhergesehene, den "glücklichen Zufall".
Mit der Verfeinerung der Technik wurde dieser Spielraum verkleinert. Dadurch
wurde der Künstler gezwungen, den Vorgang des Zufalls über andere Mittel
wieder herbeizuführen, wie zum Beispiel durch die Darstellung von neuen
Themen oder ungewöhnliche Kombinationen von Gegenständen. Da es aber nur
eine beschränkte Anzahl von konkreten Themen gibt, die sich der menschliche
Geist ausdenken kann und ebenso nur eine beschränkte Anzahl von Gegenständen
in der reellen Welt, vom welchen der Künstler seine Auswahl treffen kann,
war auch dieser Speilart, den Zufall zu verwenden, ein Ende gesetzt. Die
Möglichkeit für neue Kombinationen wurde allmählich erschöpft.


Während der Uebergangsphase von der gegenständlichen
zur abstrakten Kunst haben die Künstler artfremde Farben für Gegenstände
verwendet oder verzerrte Perspektiven, um damit einen neuen schöpferischen
Impuls für ihre Weke zu bekommen. Auch diese Methode erschöpfte sich allmählich.
Schliesslich wurde der reelle Gegenstand gänzlich aufgelöst, was zur abstrakten
Kunst führte.


Die Führung der Linie, die Wahl der Formen
und der Farben waren nun ganz dem Zufall überlassen. Darauf wurde auch
die Technik dem Zufall ausgesetzt. Beispiele dieser Methode sieht man
im Auftragen der Farben auf die Leinwand mittels einer Spritzpistole,
wodurch die willentliche Führung des Pinsels vermieden wird oder im Gebrauch
von ungewöhnlich flüssiger Farbe, in ungewöhnlich schnellem Arbeiten,
in der Arbeit im Dunkeln, kurz in der bewussten Trennung zwischen dem,
was der Geist denkt und dem, was die Hand tut, sodass das Auge nicht folgen
kann. Eine andere Methode ist die Einnahme von Drogen, welche die Kontrolle
des Bewusstseins vermindern und damit seine vorgefassten Vorstellungen
auslöschen. Alle diese Methoden ermöglichen den Zufall.


Nicht jeder Zufallsvorgang in der Kunst jedoch
führt zu Neuheiten, gerade sowenig wie jede Mutation zu einem neuen evolutiven
Vorgang führt. In der Kunst wie in der Evolution scheint zusätzlich noch
ein anderes Prinzip am Werke zu sein, nämlich das ordnende Prinzip.


Wer kreativ tätig ist, kann nicht einfach
auf die Inspiration warten, darauf, dass ihm der glückliche Zufall in
den Schoss fällt, er muss in Aktion treten und eine dauernde Strukturierung
zur Verfügung stellen, die Technik, in welche der Zufall eingegliedert
werden kann. Wenn wir die Arbeit von berühmten Künstlern genauer betrachten,
können wir sehen, dass ihre Werke nicht nur aus einem genialen Einfall
bestehen, sondern auch aus sorgfältigster Kleinarbeit aufgebaut sind,
was einem strukturierenden Vorgang entspricht. Erfolgreiche Künstler waren
meist unermüdliche Arbeiter, die dauernd versuchten, ihre Technik zu verbessern,
ohne je ganz zufrieden zu sein mit dem Ergebnis.


In der Kunst wie in der Evolution spielen
sich grundsätzlich zwei Prozesse ab: das Prinzip des Zufalls dargestellt
mit dem Begriff der Inspiration und das Ordnungsprinzip erfasst mit dem
Begriff der Technik. Beide Vorgänge stossen dauernd aufeinander, und es
ist eben dieses Zusammenspiel, das die Kreation bewirkt.


Wie oben erwähnt, kann der Prozess des Zufalls
in der Technik wie auch im Thema verwendet werden. Ebenso kann das Ordnungsprinzip
in der Technik wie im Thema liegen. Sobald jedoch die Struktur des realitätsgebundenen
Gegenstandes aufgegeben ist, und die Technik ebenfalls dem Zufall ausgesetzt
wird, hat der Künstler nur noch einen Zufallsvorgang und keine Struktur
mehr zur Verfügung.


Dies genau ist der Punkt, an dem der grosse
Teil der modernen Kunst immer noch steht. Viele originelle Ideen werden
hervorgebracht, aber wenig kosequente Struktur ist erkennbar, wahrscheinlich
ein Grund, weshalb moderne Kunst für manche Betrachter so unbefriedigend
ist. Es gibt jedoch Ausnahmen. Einige wenige moderne Künstler, unter ihnen
Jürg Da Vaz, haben das Ordnungsprinzip wieder neu in den Brennpunkt unserer
Aufmerksamkeit gerückt. In ihren Werken kommt die Struktur jedoch nicht
durch die exakte Darstellung eines Gegenstandes zum Ausdruck, sondern
durch eine äusserst exakte Technik. Der Zufallsmoment dagegen wird ermöglicht
über das Fehlen einer realitätsgebundenen Vorstellung, was einem freien
Fluss von Linien , Formen und Farben Platz macht. Dies wiederum führt
zu neuen Gebilden, abstrakten Konstruktionen, welche niemals im voraus
hätten ausgedacht werden können. Dieser Vorgang eröffnet eine gänzlich
neue Welt mit neuen unerschöpflichen Möglichkeiten, Perspektiven und Variationen.


Das Resultat von unzähligen Auseinandersetzungen
zwischen unendlich vielen verschiedenen Vorgängen und Systemen.


Die Werke von Da Vaz sind Beispiele dieser
neuen Konstruktionsart in der modernen Kunst. Wir können in seiner Arbeit
eine hochentwickelte Technik feststellen, die nicht viel Zufälligkeit
zulässt. Jede Linie ist mit Präzision gezogen. Dazu sagt er, dass er im
Voraus keine Vorstellungen seines Bildes hat, welche die Linien und Formen
daran hindern würden, sich selbst zu bestimmen. Von Anfang an entwickeln
sich seine Bilder in einer organischen Weise, nicht linear, nicht von
einem Ende zum anderen, sondern von mehreren Richtungen gleichzeitig.
Jede sich entwickelnde Form oder Anhäufung von Formen ist in sich genau
strukturiert. Sie wächst jedoch zufällig, ohne von einem übergeordneten
Prinzip bestimmt zu werden. Die Konstruktion oder Gestalt wird sichtbar
im Laufe der Entwicklung, wenn die verschiedenen Teile des Bildes aufeinanderstossen,
sich überlappen, ineinanderwachsen, sich gegenseitig Grenzen setzen, und
dabei einander sowie das ganze Bild in seinem Prozess bestimmen. Das Ergebnis
sieht perfekt aus, als ob es auf`s genaueste geplant worden wäre, wenn
dies in der Tat nicht der Fall ist.


Es ist schwierig zu begreifen, dass ein Vorgang,
der so vollkommen aussieht wie die Evolution, nicht geplant wurde. Selbst
zur heutigen Zeit, seit mehr als hundert Jahren seit Darwins Entdeckung
der Grundprinzipien der Evolutionsgeschichte ist es für manche schwerverständlich,
dass ein wundervoll funktionierendes Zusammenspiel im ökologischen System
wie wir es in der Natur, der Tier- und Pflanzenwelt betrachten können,
nicht von einer höheren Macht in jedem Schritt der Entwicklungauf`s sorgfältigste
geplant wurde, sondern vielmehr das Resultat von unzähligen Auseinandersetzungen
zwischen unendlich vielen verschiedenen Vorgängen und Systemen ist. Gerade
diese Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Vorgängen ist es,
die der Evolution eine scheinbar so sinnvolle Richtung gibt.


Das gleiche gilt für die Bilder von Da Vaz.
Für manche Betrachter ist es schwierig zu akzeptieren, dass er seine Bilder
nicht im voraus geplant hat. Er wird deshalb oft gefragt, ob er eine Vorstellung
habe, bevor er beginne, eine Frage, die seiner Art und Weise zu arbeiten
völlig fremd ist.


Die Bilder von Da Vaz entwickeln sich
auf der Leinwand über viele Stufen, genau so wie sich die Evolution
entwickelt hat über Millionen von Jahren, ein stetiges Zusammenspiel
von Zufall und Ordnung. Seine Kunst bietet uns deshalb einen evolutionsähnlichen
Vorgang in seiner ganzen Komplexität, eingefasst in eine einzigartige
Bilderwelt.






Washington, D.C., März 1980


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