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Abstrakte Virtualität
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2006-01-01
Schweiz





Abstrakte
Virtualität


Dr. med.
Ursula Davatz, Zürich


Jürg Da Vaz zählt zu den abstrakten, nonfigurativen
Künstlern. Er lässt sich jedoch nicht einreihen bei irgend einer der bekannten
Schulen. Sein Stil ist eigenwillig und neu.


Will man die Bilder respektive den Stil der
Bilder dennoch an einen bekannten Erlebnisbereich im konkreten visuellen
Raum anbinden, so kommen einem am ehesten Bilder aus der Welt des organischen
Wachstums in den Sinn. Es gibt darin keinen klaren Anfang und kein klares
Ende einer Struktur, und dennoch wirkt das Ganze "schön", ausgewogen
und gleichzeitig dynamisch, niemals maschinell regelmässig, selbst wenn
Serienstrukturen auftreten. Das Gleiche kann man von den Bildern von Da
Vaz sagen. Sie enthalten alle eine Dynamik und haben dennoch Struktur,
die für das Auge wohltuend ist.


Versuchen wir seine Bilder vom Erlebnis her
zu beschreiben, so könnte man sagen, er dringt in eine neue Welt der Imagination
von Farben und Formen ein, die unbegrenzt ist in ihren Möglichkeiten.
Begrenzt wird diese Realität einzig durch die Grösse des Blattes und durch
unser Sehvermögen.


Kein Künstler ist jedoch aus dem Nichts geboren.
Auch Da Vaz hat seine Vorbilder gehabt. Dazu gehören z.b. Klee, Kandinsky,
Mondrian, Tobbey aus der Reihe der abstrakten Künstler, Dali, Magritte,
Tanguy und Escher aus der Reihe der Surrealisten, Pieter Bruegel und Hieronimus
Bosch aus der Reihe der Humoristen. Bei Klee hat ihn die Sensibilität
der reinen Farbenskala fasziniert, bei Kandinsky die losgelöste Figürlichkeit
im freien Raum. Die Surrealisten haben ihn vor allen Dingen durch ihre
räumliche Verzerrung bis hin zur optischen Täuschung beeindruckt. Vasarély
war für ihn bahnbrechend in Bezug auf die Konstruktion einer abstrakten
Räumlichtkeit mittels geometrischer Serienbildung. Analysiert man die
Bilder von Da Vaz unter diesen verschiedenen Teilaspekten seiner künstlerischen
Vorbilder, so lässt sich feststellen, dass viele davon tatsächlich, auf
eigenartige Weise verbunden, in seinen Werken vorhanden sind. Was dabei
aber besonders ins Auge springt, ist, dass all seine Werke von einer unendlichen
Phantasie und Spielfreudigkeit gekennzeichnet sind.


Die Welt als innere Entdeckung


Diese grosse Variationsbreite von Farben
und nicht gegenständlichen Formen hat eine unglaublich befreiende Wirkung.
Diese Befreiung von allen hergebrachten Vorstellungen kann aber auch etwas
Beängstigendes haben für den an die Begrifflichkeit der Dinge gewohnten
Betrachter. So wenden diese sich häufig an den Künstler mit der Frage,
was er mit dem Bild auszudrücken versucht habe. Er weist dann meist zurück
auf seine Bilder, welche seine Aussage enthalten. Eine Aussage, die nicht
in Sprache gefasst werden kann. Sonst hätte Jürg Da Vaz Gedichte geschrieben
oder Romane. Er hat aber bewusst die abstrakte Farben- und Formenwelt
gewählt, um sich auszudrücken, da sie ihm mehr Raum zur Freiheit lässt.
Der Betrachter jedoch ist dies nicht gewohnt vom Alltag her. Nun soll
er plötzlich seiner Phantasie freien Lauf lassen?! Vielleicht gar sich
selbst bloss stellen durch diese eigene Phantasie? Sich selbst einen Einblick
in sein eigenes Innere gewähren?! Er könnte dabei herausfinden, wer er
ist und was er in seinem Innersten denkt und fühlt, eine Art Rorschach-Test
....


Werdegang der Arbeit


Da Vaz hat seine eigenen Werke immer wieder
verwendet und verwandelt. Ein Evolutionsprozess, der vergleichbar ist
mit der Evolution der Natur, die ebenfalls frühe Strukturen wie zum Beispiel
Einzeller über Jahrmillionen hin "weiterverwendet" hat als Zellorganellen
innerhalb der Zelle von Mehrzellorganismen. Ein "recycling"
im wahrsten Sinne des Wortes, sowohl in der Evolution der Natur als auch
in der Evolution von Da Vaz. Interessant dabei ist, dass alle Formenelemente,
die er viel früher schon von Hand gezeichnet hat, in den neueren Bildern,
die mittels Computer umgestaltet sind, wieder auftreten, als hätte er
seine jetzige Phase schon damals vorausgeahnt und von langer Hand geplant
für den späteren Umbau. Er bleibt sich in seiner Art der Formgebung, auch
wenn sich diese stark verändert und entwickelt hat, doch immer treu. Ein
Zeichen der innern Kohärenz und Ganzheitlichkeit seines künstlerischen
Schaffens, ein Qualitätszeichen.


Zu den Titeln


Nach jahrzehntelanger Abstinenz und vehementem
Widerstand gegen jegliches Intellektualisieren seiner Arbeit ist Da Vaz
dazu übergegangen, seine Werke zu betiteln. Was ihn wohl dazu veranlasst
haben mag, diese für ihn einmalige Wendung


zu vollziehen? Spass, Humor - wie er meint
- ist, wenn man trotzdem lacht. Das analytische Erfassen von Bildinhalten
sei eine Vorliebe des Betrachters, fährt er fort und fügt hinzu: "Was
so vielen gefällt, kann ja auch mir Freude machen." Bilder könne
man nicht illustrieren, wenn schon, dann müsse man sie interpretieren.
Aber das wiederum sei ein "ganz neues Ballspiel". Die Titel,
so deutet er an, hätten mit der Entstehung seiner Bilder herzlich wenig
zu tun. Sie seien ein eigener kreativer Akt des Betrachters. Das Wort,
die Titelgebung, die Idee vor den Anfang der Arbeit zu stellen, sei für
ihn, wie wenn man das Pferd am Schwanz aufzäumen würde. Was für den Betrachter
am Anfang steht, findet für Da Vaz am Ende statt. Aus dem Schatzkästlein
seiner Erfahrungen füge er die Titel den Bildern bei im Nachhinein, quasi
als Brücke über den Fluss der allgemeinen Verunsicherung.


Farbskala und Formenbau


Die Farbskala von Da Vaz war schon immer
und ist immer noch durchwegs positiv, intensiv und vorwärts gerichtet.
Die Bilder strahlen einen farblichen Optimismus aus, der sich auf den
Gefühlszustand des Betrachters auswirkt.


Der Formenbau der Bilder ist durch und durch
kraftvoll. Die entwicklungsbezogene Komponente im Aufbau und im Prozess
der Gestaltung sind die treibende Kraft des Entwurfs. Die Linie bezeichnet
die ideelle Erfassung des bildnerischen Konzeptes. Die ungeahnte Wirkung
einer ganz und gar prozessorientierten Strukturentwicklung und einer expressionistischen
Farbskala tragen eine enorme Schubkraft in sich.


Optimistische Aussagen sind in der heutigen
Zeit eher selten. Umso stärker treffen uns deshalb die bildlichen Aussagen
von Da Vaz. Sie künden eine neue Epoche an. Es ist, als ob man sich der
Aufbruchstimmung erinnere, die Europa verloren gegangen ist, die uns die
vergangenen Jahrzehnte verschüttet haben.


Beim Betrachten seiner Bilder bekommt man
den Eindruck, die Rückkehr zur Zukunft sei angesagt. Die Bilder von Da
Vaz erlauben dem Betrachter einen Einblick, einen Einstieg in eine neue
Welt der Freiheit, des unbeschränkten Formenreichtums, der unbeschränkten
Phantasie. Der daraus resultierende Zustand der "Schwerelosigkeit",
der multidimensionalen Durchsicht in der Unbegreiflichtkeit der Dinge,
eröffnet ungewöhnliche Erfahrungen für den Betrachter.






Zürich, im März 1996



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